Der Mensch und die tödlichen Infektionen.

Fachliches aus der Allgemeinmedizin

Ich freue mich, dass Dr. Ulrike Koock, eine Kollegin, Autorin und Medizin-Bloggerin des Jahres, einige Artikel aus ihrem Blog SCHWESTERFRAUDOKTOR.DE auf unserer Seite zur Verfügung stellt. Ich hoffe, dass Sie alle genauso viel Spaß beim Lesen haben wie ich.

Artikel vom 02. Mai 2020 von Dr. Ulrike Koock

„Postspezifische Veränderungen“ steht auf dem Befund des Röntgenbildes, das meine Patientin im Krankenhaus bekommen hat. Tuberkulose. Sie nickt wissentlich, als ich ihr den Befund erkläre.

„Ich hatte als junges Mädchen die Schwindsucht. Wochenlang war ich auf Kur.“ 

Eigentlich war sie wegen ihrer Herzinsuffizienz ins Krankenhaus aufgenommen worden, weil sie „Wasser in der Lunge“ hatte. Dabei fand man die für eine Tbc typischen Veränderungen.

„Wir hatten ja alles damals. Tbc, Gelbsucht…“. Sie schwelgt in Erinnerungen.

Wisst ihr noch, was Tuberkulose ist? Gehört haben es alle schon. Erlebt haben es zum Glück inzwischen aber nicht mehr sehr viele. Ich kenne die Tuberkulose auch hauptsächlich aus Büchern, Vorlesungen und einigen wenigen Fällen aus meiner Klinikzeit, wenn man im Röntgenbild die Veränderungen durchgemachter Infektionen sah. 

Aber ich bin als Kind noch mit dem BCG-Impfstoff geimpft worden und habe mit 16 Jahren ein Röntgenbild der Lunge bekommen, weil ich einen Nebenjob in einem Lebensmittelladen angefangen hatte. Und ich kannte die Geschichte eines nahen Familienmitglieds, das in seiner Kindheit monatelang in einer Klinik untergebracht war. Fernab der Familie. Isoliert, als Kind. Weil es Tbc hatte.

Damals, ja damals… Wie lange ist das her? Jahrzehnte! Es war ein anderes Jahrhundert.   Sogar ein anderes Jahrtausend. Aber nein, die verschiedenen Infektionen, die es so gab, sind nicht unendlich lange her. Ein paar Jahrzehnte sind in erdgeschichtlichen Maßstäben nicht mehr als ein Wimpernschlag. 

Röntgenreihenuntersuchungen gab es damals, um genau zu sein von 1939 bis 1983. In „Röntgenbussen“ wurde Schulkindern verpflichtend die Lunge durchleuchtet, um die Tuberkulose zu erkennen und die Ausbreitung zu verhindern. 

Was würden die Menschen in unserer Corona-Situation aufbegehren, wenn sie zur Diagnostik von Covid-19 verpflichtend durchgeröngt würden! Die Idee wäre nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Schließlich gibt es auch leichte Fälle von Covid-19, die dennoch im Röntgen sichtbare Schäden an der Lunge hervorrufen können.

Aber die Grundrechte!

Und wie schreien manche Menschen gerade auf, weil sie hinter der Pandemie eine regierungsgesteuerte Aktion zur Stärkung der Pharmaindustrie sehen und die Impfpflicht fürchten. Die Würde des Menschen! Selbstbestimmung! 

Aber schauen wir doch mal zurück ins letzte Jahrtausend: Unsere Eltern haben oder hatten diese berühmten Pocken-Impfnarben am Oberarm. Denn dort wurde verpflichtend ein Pockenimpfstoff eingeritzt, weil die Pocken eine ziemlich unangenehme und auch eine ziemlich tödliche Krankheit waren. In der BRD galt von 1945 bis Ende 1975 eine allgemeine Impfpflicht gegen die Pocken, die danach noch bis in die 1980er Jahre für Kinder bis zu einem Alter von zwölf Jahren bestand. 

Rechtsgrundlage war das Reichsimpfgesetz von 1874, das im Deutschen Reich eine Impfpflicht für Kinder zwischen einem und zwölf Jahren vorsah. In den 1950er Jahren traten dann einzelne Kritiker auf den Plan, welche die Impfpflicht als Verstoß gegen das im Grundgesetz verankerten Persönlichkeitsrecht sahen. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte aber 1959 die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz. Und irgendwann wurde die Impfpflicht schließlich wieder abgeschafft, weil die Erkrankung nahezu kaum noch auftrat. Inzwischen gilt sie als ausgerottet. Und warum? Der Impfung sei dank. 

In der DDR war man nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich rigoroser: Impfungen gegen Pocken, Diphterie, Tetanus, Tbc, Kinderlähmung und ab 1970 auch gegen Masern waren Pflicht.

Wir sind Infektionen einfach nicht mehr gewohnt. Früher, als ja bekanntermaßen alles besser war, ja, früher zu den guten alten Zeiten, da wusste man noch, was eine Infektion ist.

Ich möchte ein paar dieser Infektionen hier erläutern, weil sie in manchen Teilen der Erde noch grassieren und viele Todesopfer fordern. Damit möchte ich aber weder die Zahlen der Coronapandemie relativieren, noch die Maßnahmen grundlegend in Frage stellen. Dennoch ist es mir wichtig zu zeigen, dass auch anderorts Infektionskrankheiten das Leben der Menschen bedrohen und das in einer Vielzahl von Fällen. Oft sind diese Krankheiten so weit weg von uns, dass es leider an uns vorbei geht. 

Tuberkulose

Die Tuberkulose ist eine weltweit verbreitete bakterielle Infektionskrankheit, die immer noch jährlich bis zu 10 Millionen Menschen weltweit betrifft – mit 1,7 Millionen Todesfällen (2016). Pro Tag sterben etwa 4000 Menschen an der Tbc. Die Zahlen muss man mal auf sich wirken lassen.

Auslöser der Erkrankung sind Mykobakterien, die meist über infektiöse Tröpfchen eingeatmet werden und so in die Lunge gelangen. Für eine Infektion benötigt es lediglich 2-3 an Mikrotröpfchen gebundene Erreger.

Außerdem treten Infektionen durch Kontakt mit Sekreten oder durch medizinische Maßnahmen auf.

Ein intaktes Immunsystem kann in 90-95% der Fälle die Infektion eindämmen und ein Granulom bilden, in dem die Bakterien in Schach gehalten werden (geschlossene Tbc). Die Immunzellen bilden eine Art Schutzwall um die Bakterien, damit ist die Erkrankung nicht infektiös. Im Inneren dieser Granulome kommt es zur typischen „verkäsenden Nekrose“. Finden diese Entzündungsherde Anschluss an das Bronchialsystem, können die Bakterien wieder abgehustet werden – die Tuberkulose ist nun eine offene Tbc und folglich ansteckend. Im Röntgenbild der Lunge zeigen sich diese Herde als Einschmelzungen (Kavernen), quasi Löcher. 

Schafft das Immunsystem die Eindämmung nicht (Abwehrschwäche, HIV, schwere Grunderkrankung, Hunger, Krieg), kann auch nach Jahren eine geschlossene Tbc reaktiviert werden und infektiös werden. Über die Blutbahn verteilen sich die Bakterien zuweilen über den gesamten Körper und können alle Organe befallen. Geschieht dies gleichzeitig in vielen Regionen des Körpers, kommt es zur Miliartuberkuklose.

Die Symptome sind teils unspezifisch: leichtes Fieber, Gewichtsverlust, Nachtschweiß und bei Lungentuberkulose wochenlanger Husten mit Auswurf. Je nach Organbefall sind weitere Symptome möglich. Wir hatten beispielsweise in der Klinik einen Patienten mit stärksten Rückenschmerzen, der eine Knochentuberkulose hatte.

Weltweit sind schätzungsweise 2 Milliarden (!) Menschen infiziert, davon erkranken etwa 5-10 Prozent an einer aktiven Tuberkulose. Hauptsächlich sind die armen Länder der Welt betroffen. 

Eine HIV-Infektion beschleunigt den Ausbruch und Verlauf der Erkrankung wesentlich, da die Abwehr bei manifester AIDS-Erkrankung nicht mehr funktioniert. Eine Tuberkulose gilt damit in armen Ländern bei HIV-Erkrankten als Ausbruch von AIDS und führt meist zum Tode.

Behandelt wird eine Tbc mit einer Kombination diverser Antibiotika, die über Monate eingenommen werden müssen. Problematisch ist die Resistenzentwicklung gegen die Medikamente, die seit dem Jahr 2009 stetig zunimmt. 

Die Tuberkulose gibt es im Übrigen seit Hunderttausenden von Jahren. An einem 500.000 Jahre alten Fossil eines Homo erectus wurden Spuren einer Hirnhautentzündung, ausgelöst durch Tuberkulose, gefunden. Robert Koch entdeckte das Bakterium Mykobkterium tuberculosis im Jahr 1882 und erhielt dafür den Nobelpreis für Medizin. 

Diphtherie 

Die Diphtherie ist eine Infektionskrankheit, die unter anderem schwere Rachenentzündungen auslöst und bis in das 20. Jahrhundert noch als „Würgeengel der Kinder“ bezeichnet wurde. Verursacher ist das Bakterium Corynebakterium diphtheriae, das im Rachen grau-weiße, dicke Beläge bildet und dadurch zu massiver Atemnot führen kann. Ferner bilden manche der Bakterien ein Toxin, das Herz, Nerven und Nieren schädigt und bei einem Viertel der Patienten zu Herzmuskelentzündungen führt. Ein Teil der Patienten stirbt an einem Plötzlichen Herztod, was sehr früh im Krankheitsverlauf (wenige Tage) oder nach Wochen auftreten kann. Daher ist bei einer Diphtherie konsequente Bettruhe angesagt und bereits bei Verdacht muss die Therapie mit einem Antidot sowie einem Antibiotikum eingeleitet werden. Es sollte nicht auf die labordiagnostische Bestätigung gewartet werden!

Neben der Rachendiphtherie gibt es die Hautdiphtherie, die ausgestanzte Ulzerationen („Löcher“) in der Haut verursacht. 

Im Gegensatz zu den Pocken ist die Diphtherie nicht ausgerottet. Der letzte große Ausbruch in Europa grassierte während des zweiten Weltkrieges, in Deutschland ist die Diphtherie selten geworden. Sinkt die Durchimpfungsrate unter einen bestimmten Wert, kann es wieder zu Ausbrüchen der Krankheit kommen, daher wird Erwachsenen geraten, ihre Impfung alle zehn Jahre auffrischen zu lassen (gemeinsam mit Tetanus). In der DDR gehörte die Impfung gegen die Diphtherie zu den Pflichtimpfungen.

Pocken

Die Pocken werden durch das Pockenvirus (Orthopoxvirus variola) ausgelöst und gehört zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten des Menschen, da sie unbehandelt eine Letalität von 30% aufweist. Übertragen wird die Erkrankung durch Tröpfcheninfektion. Nach einem biphasischen Fieberverlauf (das Fieber sinkt erst, dann steigt es wieder) kommt es zu den typischen flüssigkeitsgefüllten Bläschen nahezu am gesamten Körper, ausgenommen sind lediglich die Kniekehlen und die Achselhöhlen.

Im Gegensatz zu den Windpocken, bei denen die Hauteffloreszenzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten und ein Nebeneinander von neuen und alten/eingetrockneten Bläschen zeigen, sind bei den Pocken die Bläschen alle im gleichen Stadium vorhanden. Aus den Bläschen entwickeln sich eitrige Pusteln, die unangenehm riechen und schließlich verkrusten und vernarben. Entstellungen sind die Folge. Schwere Verläufe führen ferner zur Hirnschäden, Erblindung, Gehörlosigkeit und Lungenentzündungen. 

Noch in den 1950er und 1960er Jahren gab es Ausbrüche der Pocken, bei denen zwecks Kontrolle der Epidemie auch Markt- und Rastplätze kontrolliert und Kontaktpersonen der Erkrankten zurückverfolgt und geimpft wurden. Durch die Einführung einer Pflichtimpfung konnten die Pocken im letzten Jahrhundert ausgerottet werden, was am 08. Mai 1980 durch die WHO konstatiert wurde. 

Malaria

Die Malaria ist eine durch Plasmodien ausgelöste Infektionskrankheit und mit 200 Millionen Fällen pro Jahr die häufigste der Welt. Übertragen wird der einzellige Parasit durch die weibliche Anopheles-Mücke. Es gibt verschiedene Formen der Malaria, wobei die Malaria tropica die gefährlichste ist, mit einer Letalität von bis zu 20%, wenn sie nicht behandelt wird. 

Die Malaria tropica zeigt sich durch Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Durchfälle, Hepatosplenomegalie (Vergrößerung von Leber und Milz), Nierenversagen, Anämien und neurologische Symptome bis hin zum Koma. Bei den weniger gefährlichen Varianten der Malaria (M. tertiana und M.quartana) zeigen sich drei- oder viertägige Fieberzyklen, die für die M. tropica nicht typisch sind. 

Im Jahr 2017 gab es 219 Millionen Erkrankungsfälle, 435.000 Menschen starben an der Erkrankung. Aktuell gibt es wieder einen Ausbruch in Zimbabwe mit 135.000 Infizierten in den vergangenen Wochen und 130 Todesfällen. Der Grund scheint der zum Teil mit Gewalt durchgesetzte Lockdown zur Eindämmung des Coronavirus zu sein und der damit verbundenen Angst der Menschen, das Haus zu verlassen. Außerdem werden aktuell deutlich weniger mit Insektiziden behandelte Moskitonetze verteilt, welche die Menschen vor der Malaria schützen.  

Da die Bevölkerung extrem jung ist, nämlich im Schnitt 18,7 Jahre, ist Covid-19 eigentlich keine Gefahr für sie: mit 29 Fällen und vier zu beklagenden Toten ist das Land mit 15 Millionen Einwohnern kaum betroffen. Im Kontrast dazu sterben bei der Malaria viele Kinder: zwei Drittel aller Todesopfer sind unter fünf Jahre alt.

Es gibt keine Schutzimpfung gegen die Malaria. Wer in ein Risikogebiet reist, sollte sich vorab ärztlich beraten lassen, Repellents (Mückenspray) und Moskitonetze verwenden, lange Kleidung tragen und nach Rücksprache eine medikamentöse Prophylaxe einnehmen. 

Behandelt wird eine Malaria mit verschiedenen Medikamenten, die leider auch durch zunehmende Residenzen unwirksam werden.

Medikamentöses Schlaraffenland 

Wir leben sowohl zeitgeschichtlich als auch geographisch hier in Europa in einem medikamentösen Schlaraffenland. Wir gehen davon aus, dass jede Infektionskrankheit mit einem Antibiotikum behandelt werden kann. Wir gehen davon aus, dass uns nichts passieren kann. Und im Großen und Ganzen haben wir das Glück, dass das auch stimmt.

Aber wenn dann plötzlich ein Virus wie SARS-CoV2 um die Ecke kommt, müssen wir erst einmal wieder lernen, dass wir einfach  qua natura permanent von Infektionskrankheiten bedroht sind. Die Menschen starben früher an heute für uns banalen Bakterien oder Viren. Bakterien, die wir mit Antibiotika behandeln können. Viren, gegen die wir heutzutage impfen können. Wir lernen jetzt gerade, dass dem manchmal nicht so ist, bzw. dass es Zeit benötigt, die Wundermedikamente herzustellen. 

Ich persönlich würde mir weniger Extremismus in jeglicher Richtung wünschen, der leider durch die sozialen Medien befeuert wird. Entweder, man ist für oder gegen die Maßnahmen, so kommt es mir manchmal vor. Dabei kann man Zahlen in einen Kontext setzen und gleichzeitig die Erkrankung ernst nehmen, sich und andere schützen und Mundschutz tragen, ohne seine Grundrechte in Gefahr zu sehen. Und die Impfung gutheißen, damit der Wahnsinn ein Ende hat. Denn dass es diese Medizin gibt, dafür können wir nur dankbar sein.

Artikel vom 02. Mai 2020 von Dr. Ulrike Koock

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