Corona und Covid-19

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Der Anti-Artikel

Ich freue mich, dass Dr. Ulrike Koock, eine Kollegin, Autorin und Medizin-Bloggerin des Jahres, einige Artikel aus ihrem Blog SCHWESTERFRAUDOKTOR.DE auf unserer Seite zur Verfügung stellt. Ich hoffe, dass Sie alle genauso viel Spaß beim Lesen haben wie ich.

Artikel vom 05. März 2020 vonDr. Ulrike Koock

Mich haben in der letzten Zeit mehrere Anfragen erreicht, ob ich nicht mal etwas über das Coronavirus und die dadurch verursachte Lungenkrankheit Covid-19 schreiben kann.

Ich bin wirklich hin- und hergerissen, denn was soll ich darüber schreiben, was nicht schon überall im Netz zu finden ist? Ich bin weder Virologin noch Epidemiologin und möchte hier auch die Bewertung, wie sich das Virus verbreitet, wie gefährlich es ist und ob wir reisen dürfen oder nicht, den Experten überlassen.

Aber ich gebe ja ganz gerne immer meinen Senf dazu. Und der lautet: Corona nervt mich kolossal!

Ich würde gerne einen Anti – Artikel schreiben. Und einmal in die Welt hinaus brüllen, dass wir uns bitte alle wieder normal verhalten. Oder ist das abgedrehte Verhalten nur ein Eindruck, den man beim Verweilen in sozialen Medien erhält?

40000 Menschen sterben jährlich an Lungenentzündungen

Wir alle haben schon fiese Atemwegsinfekte gehabt. Und gegen eine echte Männergrippe ist Corona sowieso harmlos. Das kann sicher jeder Mann bestätigen. (Cave: Hier ein gedankliches Augenzwinkern einfügen.)

Das neuartige Corona-Virus kann eine ganze Bandbreite an Ausprägungen haben. Von banaler Erkältung bis hin zur gefährlichen Lungenentzündung. Es existieren wohl zwei verschiedene Stämme (L und S), die unterschiedlich aggressiv sind. Außerdem sagen immer mehr Virologen, dass Corona wahrscheinlich unbemerkt schon im Untergrund arbeitete und uns durchseucht hat, ohne dass wir es bisher gemerkt haben.

Ich möchte keinesfalls die Gefahr aberkennen, die durch die Erkrankung herrscht. Deswegen werden Menschen isoliert, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit zu verringern. Aber ich möchte auch darauf aufmerksam machen, dass schon immer Menschen an Lungenentzündung gestorben sind, und das nicht zu knapp. (Verallgemeinerungen sind bekanntermaßen stets/immer/generell nicht hilfreich, in diesem Fall aber wahr.)

Denn auch an einer „normalen“ Lungenentzündung, durch Bakterien und Viren wie Pneumokokken, Influenza und anderen Erregern verursacht, ist die Pneumonie eine gefährliche Sache. Auch Pilze verursachen Lungenentzündungen.

Kranke Menschen mit COPD, Raucher, Diabetiker, Herzkranke, alte Menschen nach Sturz, Parkinsonkranke, Patienten mit Multipler Sklerose oder ALS, sterben an Lungenentzündung.

Die Kausalkette: Vorerkrankungen oder Stürze führen zu mangelnder Mobilität und zu schlechter Belüftung des Lungengewebes, Schleim setzt sich fest, Bakterien fühlen sich wohl, Lungenentzündung, Tod. Oder Bakterien haben bei Abwehrschwäche ein leichtes Spiel, dann folgt die Bettlägerigkeit der Pneumonie.

In Deutschland erkranken jährlich 650.000 Menschen an einer Lungenentzündung. In Worten: Sechshundertfünfzigtausend. Andere Quellen sprechen von etwa 500.000 Menschen.

Man geht davon aus, dass jährlich 40-50.000 Menschen durch eine Pneumonie sterben, was zeigt: Eine Lungenentzündung ist keine Lappalie und in Industrienationen die häufigste zum Tode führende Infektionserkrankung.

Natürlich möchte man nun nicht auch noch eine Erhöhung der Mortalitätszahlen durch Covid-19, wenn es schon genug Tote durch die «normale» Pneumonie gibt.

Dennoch sollte man beachten, dass wir einer neuen Erkrankung gerade extrem viel Beachtung schenken (was daran liegt, dass sie neu ist) und dadurch womöglich viele Probleme selbst verursachen. Der Mensch in Deutschland geht generell/stets/immer gerne zum Arzt. 18 mal pro Jahr geht jeder Bewohner in Deutschland im Schnitt zum Hausarzt. Viele stellen sich mit Lappalien in den Notaufnahmen vor und wir verbreiten dadurch Infektionen selbst. Menschen, die bei sich das Coronavirus vermuten, setzen sich in volle Wartezimmer. Prima.

Und plötzlich wollen alle einen Impfstoff

Das Virus scheint für geschwächte und vorerkrankte Menschen nicht ungefährlich zu sein. Gleichzeitig muss man das in Relationen damit setzen, dass im Jahr 2017/18 über 25.000 Menschen an der Influenza gestorben sind. Und kein Hahn hat danach gekräht. Viele Menschen haben sich sogar überhaupt nicht impfen lassen, weil die Grippeimpfung viel schädlicher sein soll, als die Erkrankung an sich.

Ich möchte wortgewandt dazu sagen: Nope.

Ich bin mir sehr sicher, dass die Menschen jetzt dankbar eine Impfung gegen Covid-19 annähmen. Da sieht man mal wieder, dass ausgeprägte Impfkritik krankes Symptom unserer Wohlstandspsychose ist. Wenn es nämlich hart auf hart kommt, weiß jeder, was wichtig ist. Oder haben sich früher etwa die Menschen nicht in Schlange gestellt, um eine Impfung gegen Polio zu erhalten?

Ihr kennt meine Einstellung zum Impfen, da kann ich mich in Rage reden. Im April gehen wohl erste Studien zu einem Impfstoff los. «Wurde ja auch Zeit», höre ich die Menschen krakeelen. Das ist verdammt schnell, würde ich sagen.

Hamster helfen nicht gegen Corona

Und was die Hamsterkäufe angeht:

Ich kann es ja verstehen. Im Falle einer Quarantäne möchte man wenigstens ein paar Packungen Nudeln und Dosengemüse zu Hause haben. Kein Mensch hat Lust, wochenlang von Knäckebrot und Leitungswasser leben zu müssen.

Auch das ist ja irgendwie ein Symptom unserer Wohlstandsgesellschaft: wir alle haben immer die Möglichkeit, alles immer und überall kaufen zu können. Zur Not geht man eben nachts an die Tanke und kauft sich Duschgel und Dosensuppe oder bemüht den Lieferservice.

Und ich habe vielleicht auch gut reden, weil ich selbst im Alltag Vorräte für ungefähr zwei Wochen zu Hause habe. Das liegt einfach daran, dass ich von Herzen gerne koche und es mich wahnsinnig macht, wenn ich in dem Moment, in dem ich etwas Spezielles kochen will, nicht alle Zutaten da habe. Karottensuppe ohne Kokosmilch? DAS wäre die Katastrophe.

Außerdem habe ich eingekochtes Obst und Gemüse aus dem Garten vorrätig und könnte wahrscheinlich auch locker mein Brot für die nächsten zwei Wochen selbst backen.

Durch Covid-19 sind alle darauf aufmerksam geworden, dass sie im Falle einer Katastrophe nicht versorgt wären. Und dass wir im Falle einer wirklich gefährlichen Pandemie einfach die Verliererkarte gezogen haben. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Das kann uns passieren und dann haben wir dem nichts entgegenzusetzen. Hamsterkäufe geben uns das Gefühl, etwas getan zu haben und die Machtlosigkeit, die uns angesichts der Corona-Epidemie bewusst wird, soll damit bekämpft werden.

Aber Katastrophenempfehlungen existieren schon lange. Es gibt Seiten, auf denen steht, wieviele Kilo Reis und Nudeln, wieviele Liter Wasser wir zuhause haben sollten. Dass wir einen Gaskocher und eine Kurbeltaschenlampe im Besitz haben.

Diese Empfehlungen können einen schon irgendwie verrückt machen, denn wer hat schon ständig zwanzig Liter Wasser pro Person in Kanistern im Keller oder in der Vorratskammer stehen? Wenn nun plötzlich so viele Menschen ihre Vorräte aufstocken wollen, dann sind die Einkaufsläden eben leer.

Und dann, vor den leeren Regalen stehend, greift ein Effekt um sich: «Wenn alle anderen Menschen Hamsterkäufe machen, dann muss an der Gefahr ja etwas dran sein. Ich nehme lieber auch mal ein paar Vorräte mit. Schadet ja nicht. Es wird ja nicht schlecht.»

Und schon greift die Sorge um sich. Je öfter man das Wort Panik hört, umso mehr ist man davon überzeugt, dass es eine gibt und die Zerrüttung ist groß.

Das ist doch wie beim Kinderarzt: „Nein, mein Kind, die Blutentnahme ist nicht SCHLIMM und TUT AUCH NICHT WEH!!“ Wenn man seinem Kind oft genug sagt, dass eine Blutentnahme nicht schlimm ist, desto öfter hört das Kind das Wort „schlimm“. SCHLIMM. WAS IST SCHLIMM? WIESO SAGEN ALLE SCHLIMM?

Und was glaubt es dann? Die Blutentnahme ist schlimm.

Dass ich mit einem Artikel in die gleiche Kerbe schlagen, ist eigentlich nicht sehr klug (kluk, wie Homer Simpson sagt). Dennoch möchte ich (fast) zum Schluss noch einmal betonen, dass es mir um eine andere Bewertung der neuen Lungenkrankheit geht:

Es ist mit wachsamen Augen zu betrachten, ja. Man sollte aber auch in Relation setzen, dass bisher die Erkrankung bei 80% der Menschen hierzulande milde verläuft und man selbst einiges zum Schutz seiner Person tun kann. Andere Krankheiten sind gefährlicher. Dass sich das ändern kann, mag sein. Ich hoffe es natürlich nicht, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Mögliche positive Denkanstöße

Wie sich die Epidemie in Zukunft entwickelt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ein Gutes hat sie womöglich: Die Menschen lernen endlich mal, die banalsten Hygieneregeln einzuhalten. Nämlich: Krank gehe ich nicht zur Arbeit! Ich wasche regelmäßig meine Hände und huste anderen nicht ins Gesicht!

Und in der Folge auch: Brauchen wir in Deutschland wirklich bei jedem Infekt einen gelben Zettel für den Arbeitgeber? Müssen wir uns wirklich krank in die Wartezimmer hocken und fröhlich die Keime verteilen und die Praxen verstopfen? Wenn man krank ist, möchte man sich im Bett auskurieren und sollte das auch bitteschön tun.

In den Niederlanden läuft das folgendermaßen: Der kranke Arbeitnehmer meldet sich telefonisch bei seinem Arbeitgeber und meldet sich krank. Er muss keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von Onkel oder Tante Doktor vorlegen. Wenn er eine gewisse Anzahl an Krankentagen pro Jahr überschritten hat, muss er sich bei einem Betriebsarzt vorstellen.

Grandios! Können wir das BITTE BITTE in Deutschland einführen? Dieser unsinnige gelbe (oder rosa) Zettel ist überbordende Bürokratie, die vollkommen überholt ist!

Lassen wir bitte den Mundschutz und das Desinfektionsmittel den Menschen, die sie brauchen. Denen, die auch ohne Corona an einer Lungenentzündung oder an einer anderen Infektionserkrankung sterben könnten. Bleiben wir mit Husten und Fieber zuhause und kurieren uns aus. Und lassen mal schön das Rauchen sein und impfen uns gegen Influenza und Pneumokokken.

Artikel vom 05. März 2020 vonDr. Ulrike Koock

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