Aluhut-Alarm

Die neue Weltordnung

Ich freue mich, dass Dr. Ulrike Koock, eine Kollegin, Autorin und Medizin-Bloggerin des Jahres, einige Artikel aus ihrem Blog SCHWESTERFRAUDOKTOR.DE auf unserer Seite zur Verfügung stellt. Ich hoffe, dass Sie alle genauso viel Spaß beim Lesen haben wie ich.

Artikel vom 16. Mai 2020 von Dr. Ulrike Koock

Die neue Weltordnung. Gestern wurde sie ja ins Leben gerufen. Das wusstet ihr nicht? Impfpflicht, Chip-Implantation durch Bill Gates und irgendwas mit Elite und einem Q. Muss man wohl irgendwie dabei sein, um das zu verstehen. 

Da gibt es abgetragene C-Prominente, die Massen an Menschen in sozialen Netzwerken rekrutieren, um sich gegen diese neue, ominöse Weltordnung aufzulehnen. Ich warte nun seit gestern, ob ich schon etwas davon mitkriege, aber außer, dass meine Kinder deutlich länger schlafen als sonst, merke ich keine Anzeichen. 

Obwohl das lange Schlafen schon verdächtig genug ist. 

Aktuell erleben die Aluhüte, egal aus welcher Kategorie, mal wieder einen Hype. Weil das Tragen einer „Alltagsmaske“ aufgrund der Corona-Pandemie manchen Menschen wohl die Freiheit raubt und eine noch nicht vorhandene Impfung im großen Stil unter der Bevölkerung verteilt werden soll. 

Manche der Aussagen sind haarsträubend absurd.

Stellen wir uns vor, ein x-beliebiger Mensch würde sagen: „Mein Nachbar vergiftet mich über Mikrowellenstrahlung!“ Ein Raunen ginge durch die Menge: „Der ist ja nicht normal. Ist hier ein Arzt anwesend?“

Und nun stellen wir uns vor, ein fiktiver Influencer ohne medizinischen Background äußere etwas Ähnliches:

„Wir werden alle heimlich gechipt/zwangsgeimpft/dezimiert/ adrenochrom-entleert!“

Und plötzlich reagieren viele Menschen erleuchtet: „Das klingt alles so richtig, was er sagt. Ihr Ärzte habt ja keine Ahnung!“

Diese Aluhut- Aussagen erinnern mich an eine Patientin, die ich vor einigen Jahren im Krankenhaus betreute.

Ein Fallbeispiel

Die Dame war etwa fünfzig Jahre alt, groß, schlank, gepflegt, freundlich. Und mit einem so schrägen Bild von sich und der Welt, dass ihre Schilderungen nur wenige Minuten zu ertragen waren, ohne sich die Haare zu raufen. 

Das soll gar nicht abwertend gemeint sein. Aber auch wir Ärzte kommen manchmal an die Grenzen dessen, was wir aushalten können, und müssen uns dann den Situationen entziehen, weil sie zu anstrengend werden. Das gibt es sicherlich häufiger in Fachgebieten, die um das Leben von Menschen kämpfen. Aber auch in der Allgemeinmedizin und in der kleinen Inneren Medizin eines Wald-und Wiesenkrankenhauses wird man mit allerlei Obskurität konfrontiert. 

Diese Patientin wurde mir also zugeteilt („Bitte geh Du hin, ich habe schon alles versucht!!“) und ich ging mental gewappnet und mit einem positiven Lächeln auf den Lippen ins Krankenzimmer und stellte mich vor: „Guten Tag, Schwesterfraudoktor mein Name, ich bin Ihre Ärztin auf Station.“

„Sie können gerne Ihr Glück versuchen, aber Sie werden meine Diagnose auch nicht herausfinden“, war die Antwort der Dame, mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen, aber schulterzuckend.

Ja nun, da stand ich also und wusste in dieser Sekunde: „Das wird heiter.“

Wir unterhielten uns und ich begutachtete ihre Blutwerte, das blande (unauffällige) MRT vom Kopf und die kardiologische Untersuchung. Es lagen bereits alle notwendigen Untersuchungen vor, sie war also nicht das erste Mal bei einem Arzt wegen dieser Problematik. 

Wir sprachen darüber, warum ihr immer schwindelig und sie so zerstreut sei. Und warum ihr orangefarbene Flüssigkeit aus der Haut tropfe.

„Hier, sehen Sie!“ Sie zeigte auf nackte, unversehrte Oberschenkelhaut. Von  Farbtropfen keine Spur. 

„Und hier!“ Tippende Zeigefinger an ihrer Flanke. Da war jedoch nichts als blanke Haut.

Ich war überfragt. Als Nicht-Psychiaterin fiel es mir zugegebenermaßen schwer, darauf angemessen zu reagieren. 

„Da ist nichts“, erschien mit falsch. 

„Alteeer, alles voller Farbe!!“, erschien mir ebenso falsch. 

Also schwieg ich und ließ sie reden. Und reden und reden und reden. Vokaleruptionen prasselten auf meine Trommelfelle, schwer verdauliche Krankheitstheorien krochen in meine Gehirnwindungen, bis mein Kopf rauchte.

Am Ende wusste ich, dass sie eine mysteriöse Krankheit hätte, die wir normalen Menschen nicht verstünden und nicht beurteilen könnten. Dass das aber auch gar nicht schlimm sei, wenn wir es nicht verstehen, unser Gehirn hätte dafür einfach keine Sensoren. 

„Ich bin eine andere Art von Mensch“, schloss sie die Schilderungen ab.

Wir einigten uns darauf, dass ich ihr erst einmal eine Infusion mit Flüssigkeit anhänge.

Wenn man nicht weiß, was zu tun ist, kann man zwei Dinge tun: den Blutdruck messen und Flüssigkeit geben. Beides schadet in der Regel nicht. Bei der Flüssigkeit muss man zwar Vorerkrankungen im Blick behalten (Herzinsuffizienz, Nierenprobleme, Störungen im Elektrolythaushalt, u.a.), aber das alles hatte die Dame nicht. 

Etwa 15 Minuten, nachdem ich ihr die Infusion angestöpselt hatte, klingelte sie und verlangte nach mir.  

„Sehen Sie!“, sagte sie vorwurfsvoll. „Ich sagte Ihnen ja, dass es nicht funktioniert.“

Verwirrt schaute ich sie an. 

„Es war mir klar, dass Sie es nicht sehen.“ Sie war kurz genervt, dann fing sie sich wieder. „Aber gut, da können Sie ja nichts dafür.“ 

Ich sehe was, was Du nicht siehst. Ich musste wohl meine dysfunktionale ärztliche Denkweise akzeptieren und fragte: „Was ist denn dort, was ich nicht sehe?“ 

„Die Infusion!“ Nun war sie aufgebracht. „Sie läuft mir zu den Füßen raus! Literweise!“

Wie reagieren? Widerworte wären auf taube Ohren gestoßen. Bestätigung konnte und wollte ich nicht geben.

„Okay, ich entferne die Infusion und schaue mir Ihre Akte nochmal an“, sprach ich ausweichend und befreite sie. 

Dann ging ich ins Arztzimmer, führte meinen schmerzenden Gehirnwindungen frisches Koffein zu und orderte ein psychiatrisches Konsil.

Was auch wieder falsch war, denn am Nachmittag wurde ich zu der erbosten Patientin gerufen, die Hasstiraden auf mich ergoss, weil ich sie für verrückt erklärt hätte. 

Etwas später hielt ich das psychiatrische Konsil in den Händen und ein müde wirkender Psychiater stand vor mir. „Sie hat offensichtlich eine Schizophrenie-Spektrum-Störung, aber das ist nichts, was hier behandelt werden kann. Bieten Sie ihr einen Termin in unserer Sprechstunde an, oder besser die stationäre Aufnahme. Aber sie hat eben im Gespräch schon alles abgelehnt, Leidensdruck scheint nicht vorhanden zu sein.“

Wir beschlossen, Sie nach Hause zu entlassen. Internistisch war sie gesund und unsere Hände bezüglich der psychiatrischen Diagnose gebunden. 

Also atmete ich noch einmal tief durch und begab mich zum Abschlussgespräch. Sie erwartete mich freudestrahlend und gar nicht mehr böse. Ich könne das eben einfach nicht verstehen, sie habe Verständnis dafür. Ich nickte zustimmend und ergab mich meinem Schicksal. Ich bestätigte zwar ihren Verdacht nicht, aber sagte, wir könnten ihr leider nicht helfen und entließen sie daher nach Hause, damit ein Fachmann sich ihrer annehmen könne. Sie nickte zufrieden und zog von dannen. 

Aber was hatte die Dame nun? Sicherlich keine mysteriöse Krankheit, bei dem man orangefarbene Flüssigkeit über die Haut ausscheidet und Wasser aus den Füßen läuft. 

Wahn, Ich-Störungen, Halluzinationen

Sie litt unter einer Psychose, oft auch Schizophrenie genannt. Entgegen landläufiger Meinung ist eine Schizophrenie keine Persönlichkeitsspaltung. Sondern eine Erkrankung, die mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Realitätsverlust einhergeht. 

Eine Psychose bezeichnet einen Komplex an Symptomen, die einen ausgeprägten Realitätsverlust, Wahn, Ich-Störungen und auch Halluzinationen beinhalten können.

Patienten,  die Halluzinationen haben, hören beispielsweise Stimmen (akustische Halluzinationen) oder sehen unwirkliche Dinge (optische Halluzinationen). Ich-Störungen beinhalten Symptome, bei der dem Patienten die Abgrenzung zu seiner Umwelt nicht mehr gelingt. Die Abgrenzung zu Halluzinationen ist dann nicht immer möglich, beispielsweise wenn eigene Gedanken als gesprochen erlebt werden. Dies nennt man „Gedankenlautwerden“.

Es werden mitunter aber auch Dialoge mit angehört, die nicht da sind. Oder imperative Stimmen, die Befehle für bestimmte Handlungen geben, oder kommentierende Stimmen, die jedes Tun begleiten („Jetzt geht er schon wieder an den Kühlschrank…“). Diese Stimmen werden als nervig und/oder belastend erlebt.

Ferner kann es zu Wahnvorstellungen kommen. Ein Wahn ist eine krankhafte falsche Vorstellung, die von der Realität abweicht, nahezu alle Lebensbereiche treffen kann und die unterschiedlichen Ausmaßes sein können: z.B. Größenwahn, (Verfolgungswahn („Ich werde abgehört/gechipt/beobachtet“), oder hypochondrischer Wahn („Ich bin schwer krank“). Ein entscheidendes Kriterium dabei ist, dass sich die Wahnkranken nicht vom Gegenteil überzeugen lassen und man es auch nicht versuchen sollte. Man kann sie nicht von ihren Vorstellungen abbringen.  

Meine Patientin hatte einerseits einen Größenwahn, denn sie hielt sich für eine „neue Art von Mensch“, den ich als „normaler“ Mensch nicht begreifen könne. Und sie litt unter hypochondrischem Wahn, denn sie hielt fest an der Vorstellung, eine mysteriöse Krankheit zu haben. 

Zu der Erkrankung können außerdem Denk- und Sprachstörungen gehören, bei denen Worte neu gebildet werden (Neologismen), der Faden beim Erzählen unkontrolliert mehrfach abreißt und das Denken und Sprechen wirr und zerfahren erscheint. 

Patienten können auch in ihrem Affekt, also in ihren emotionalen Regungen, eingeschränkt sein. Sie erleben ein wechselndes Auftreten extremer Stimmungen und Ängste, und bei chronischem Verlauf häufig eine Affektverflachung: sie fühlen sich leer, blicken starr vor sich hin, aber der äußere Eindruck  stimmt häufig nicht mit den erlebten Gefühlen überein (Parathymie).

Auch die Konzentration und das Gedächtnis sind beeinträchtigt und begleitend findet man Depressionen und Angststörungen.

Manchmal begegnen einem in der Bahn oder in der Öffentlichkeit Menschen, denen ohne jegliches Hinterfragen Alkoholismus unterstellt wird: „Der Penner, kann der sich nicht waschen/zusammenreißen/nicht saufen?“

Dabei kann es auch ein an Schizophrenie erkrankter Mensch sein, der seine Körperpflege nicht mehr bewerkstelligen kann oder es schlicht nicht registriert, wie er wirkt.

Die Einteilung der Psychosen in endogene (organisch, „von innen heraus“, ohne äußere Ursache) und exogene (nicht-organisch, „durch Krankheit, Medikamente, Drogen“) ist überholt. Inzwischen unterschiedet die moderne Psychiatrie die Psychosen nach zeitlichen und deskriptiven Verlaufskriterien. Im englischsprachigen Raum wird sie eingeteilt in primäre (aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung) und sekundäre (aufgrund einer somatischen, „körperlichen“ Ursache) Psychose, wobei somatische Ursachen zum Beispiel Tumore oder stattgehabte Schlaganfälle sein können.

Wider dem Fanatismus 

Ich will in diesem Artikel auf gar keinen Fall behaupten, dass alle Menschen mit nicht mehrheitskonformen Ansichten Wahnvorstellungen haben. Bitte nicht falsch verstehen. Meinungsvielfalt ist gut und wichtig. 

Ich lese selbst gerne das Internet leer und beschäftige mich auch mit alternativen Meinungen. Das heißt nicht, dass ich sie gutheiße, aber ich will sie kennen. 

Aber bei jeglichem Fanatismus ist einfach der Ofen aus. Egal, ob es sich um Politik, Religion, Homöopathie oder um eine beliebige Ersatzreligionen (z.B. aus dem Bereich der Ernährung) handelt. Und diese Vorstellungen, wir würden alle bedroht und heimlich oder unheimlich gechipt und geimpft und ge-wasauchimmer-t,  entbehren jeglicher Grundlage.

Ich werde übrigens schon lange überwacht: seit vier Jahren trage ich meinen implantierten Defibrillator, der meine Daten aufzeichnet. Durchgeimpft bin ich auch, und Chips (aus der Tüte) machen mich wahnsinnig.

Die neue Weltordnung kann kommen. 

Artikel vom 16. Mai 2020 von Dr. Ulrike Koock

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